MRT-Aufnahme der Halswirbelsäule eines Patienten mit einem klinischen Befund der HWS von geringer klinischen Bedeutung (keine neurologische Symptome und nur geringe Rotationseinschränkungen bds.). Die Schultergelenke dagegen zeigten ein unauffälliges radiologisches Bild mit einem aussagekräftigen klinischen Befund: erhebliche Bewegungseinschränkungen beider Schultergelenke mit starken ausstrahlenden Schmerzen in beiden Armen. Schwere Missbildungen der Halswirbel schädigen das Nervensystem und verursachen so die ausstrahlenden Beschwerden laut dem radiologischen Befund. Mehrfache Operationen führten nicht zu einer Verbesserung der klinischen Symptome. Gezielte Übungsbehandlungen der Schultergelenke dagegen verbesserten die Beweglichkeit der Schultergelenke und linderten die ausstrahlenden Symptome erheblich (mit Zustimmung des Patienten, Daten beim Autor bekannt).

 

Bei der Untersuchung von Rückenschmerzen fokussieren Ärzte und Physiotherapeuten immer noch auf die Wirbelsäule mit ihren Bandscheiben und auf die von der Wirbelsäule ausgehenden peripheren Nerven.

Radikuläre/neuropathische vs. nozizeptive Schmerzen
Die Diagnose von ausstrahlenden Schmerzen in einem Arm oder Bein als neuropathischer (Nerven-) Schmerz beruht auf einer Hypothese aus dem 18. Jahrhundert, der zufolge Nervenfasern durch Schädigung gereizt werden können und so (Nerven-) Schmerzen verursachen. Dieses hypothetische Konzept ist immer noch aktuell und in der medizinischen und paramedizinischen Welt weithin akzeptiert.

Auf der anderen Seite gibt es das wissenschaftlich fundierte Konzept des nozizeptiven Schmerzes, das auf einer Aktivierung von Nozizeptoren beruht. (Peri-) artikuläre Ligamentäre Strukturen sowie die subchondrale Knochenplatte sind reichlich versorgt mit u.a. Nozizeptoren. Obwohl der genaue Mechanismus des ausstrahlenden Schmerzes bei Gelenkdysfunktionen noch nicht genau bekannt ist, könnte die enge Verbindung dieser Strukturen mit den myofaszialen und osteofaszialen Geweben die Erklärung sein für ausstrahlende Beschwerden. Für dieses Konzept gibt es immer mehr klinische Beweise. Immer mehr gut dokumentierte Fallbeschreibungen und Kohortenstudien zeigen, dass Ausstrahlende Schmerzen, die ebenso gut als radikuläre Symptomatik diagnostiziert werden könnten, nach einer Gelenkersatzoperation vollständig verschwunden sind. Darüber hinaus gibt es immer mehr empirische Belege für den nozizeptiven Charakter von ausstrahlenden Schmerzen. Ein spezifisches Training der Gelenke bei symptomatischer arthrogener Dysfunktion führt direkt zu einer Verringerung der ausstrahlenden Symptome für einen kürzeren oder längeren Zeitraum, je nach Art der arthrogenen Dysfunktion. 

Gelenkpathologie zu unterscheiden von Wirbelsäulenpathologie ist herausfordernd. Klinisch-motorische Diagnostik kann hierbei entscheidend sein.

Reale physische Schäden an Nervenfasern führen zu sensorischen und/oder motorischen irreversiblen Ausfallserscheinungen (d. h. keine Schmerzen), nicht zu verwechseln mit (teilweise) reversiblen arthrogenen Symptomen wie Kraftverminderung, Empfindungsstörungen und Schmerzen.

Radiologische vs. klinische Diagnostik
Obwohl radiologische Untersuchung Diagnosen wie  neuropathische Schmerzen,  radikuläre Reizsyndrome, Stenosen und Bandscheibenpathologien bestätigt, weisen immer mehr Forscher darauf hin, dass es keine eindeutige Korrelation zwischen den Ergebnissen dieser radiologischen Untersuchung und den klinischen Symptomen gibt. Personen ohne Beschwerden weisen häufig ähnliche radiologische Auffälligkeiten auf und Personen mit Beschwerden zeigen ebenso häufig keine Auffälligkeiten. 

Die klinisch-motorische Untersuchung hingegen kann, wenn sie richtig durchgeführt wird, genaue Informationen über die Funktion und den Zustand des Bewegungsapparates (Schmerz - Beweglichkeit - Kraft) liefern und so eindeutige Zusammenhänge zwischen Symptomen und ihren Ursachen aufzeigen.

Es gibt immer mehr wissenschaftliche Veröffentlichungen, die zeigen, dass bei fortgeschrittener Arthrose eine Gelenkersatzoperation in den meisten Fällen zu einer erheblichen Schmerzlinderung führt, und motorische Behandlungen bei Symptomen der beginnenden und mittelschweren Arthrose zu einer deutlichen Verringerung der (ausstrahlenden) Schmerzen und sogar Schmerzfreiheit führen. Fortgeschrittene Stadien einer Arthrose sind aufgrund ihrer geringen Belastbarkeit wesentlich schwieriger mit Bewegungstherapie zu behandeln und chirurgische Therapie mit dem Ziel des Gelenkersatzes rückt dann näher ins Visier. 

Die WS - ein "unzerstörbares" Gerüst
Obwohl radiologische Bilder eine anfällige Wirbelsäule mit häufigen Anomalien zeigen, ist die Wirbelsäule in Wirklichkeit äußerst robust. Durch den stabilen Aufbau der einzelnen Bausteine und ihre gegenseitige Anordnung, bei gleichzeitig nur geringer gegenseitiger Bewegung, ist die Wirbelsäule sehr gut geeignet, hohe Belastungen z. B. durch Arme und Beine aufzunehmen und das Rückenmark und seine peripheren Nerven zu schützen. 

Die am meist gefährdeten Teile der Lendenwirbelsäule sind die schmerzempfindlichen ligamentären Verbindungen des Kreuzbeins mit den Darmbein (SI-Gelenk) und der Lendenwirbelsäule (L5-S1-Gelenk). Der Kapsel- und Bandapparat der Halswirbelsäule ist aufgrund ihrer Bewegungsfunktion für den Kopf und der damit verbundenen komplexen und feinen Konstruktion anfällig für Schmerzen. Motorische Störungen der Schultergelenke verändern die Haltung der Halswirbelsäule und können zu einer Überlastung ihrer Bandstrukturen führen; schon leichte motorische Störungen des Hüftgewichts verändern die Haltung der Lendenwirbelsäule und führen so zu einer Überlastung der Ligamenten des SI-Komplexes, die häufigste Ursache für Schmerzen im unteren Rücken.   

Für das Rehabilitationsmanagement haben diese klinischen Fakten große Konsequenzen. Das zervikale und lumbale Radikulärsyndrom, Bandscheibenvorfälle und Stenosen verlieren einen großen Teil ihres diagnostischen Wertes, während die genaue Beurteilung der motorischen Hüft- und Schultergelenkfunktionen eine erhebliche klinische Bedeutung bei Rückenschmerzen gewinnt.